Die letzte Fahrt fand im Zusammenhang mit der groß angelegten “Fact-Finding Mission” 2011 statt. Diese Fact-Finding Missions sind der letzte Schritt, bevor ein Fall international angeprangert wird. Teilnehmer waren da von FIAN Norwegen, FIAN Nepal und dem internationalen Sekretariat in Heidelberg. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt, eine Gruppe fuhr ins nahegelegene Lakimpur, um die dortigen staatlichen ICDS centers (Zentren, die für Kinder unter 6 und schwangere/stillende Frauen Nahrungsergänzungsmittel aushändigen, impfen und sonstige medizinische Basisdienste bieten sollen) zu inspizieren.
Die andere Gruppe, der ich auch angehörte, fuhr ins dann doch etwas weiter entfernte Varanasi (ca. 300km, auf indischen “Highways” dauert das ca. 8 Stunden), übernachtete da zweimal und besuchte zwischendurch Ballia, wo die dortigen Bauern seit über 35 Jahren auf ein voll funktionierendes staatliches Bewässerungssystem warten und wo dieses seit 1995 überhaupt nicht mehr funktioniert.

Das Rohr zur Pumpe ist nicht einmal verbunden - warum auch, der Kanal ist das eigentliche Problem...
Es war mal wieder einer dieser Fälle, wo alles ganz anders kam als gedacht. Ursprünglich hieß es, die Pumpe für den Bewässerungskanal würde nicht funktionieren. Das war auch der Fall, aber das eigentliche Problem ist der Kanal, der 1972 gebaut, aber nie fertiggestellt wurde und eine viel zu geringe Kapazität hat. So kommt es, dass die Dörfer, die näher am Ganges sind, bis 1995 zwar noch regelmäßig Wasser erhielten, dass die weiter entfernten Dörfer aber nie einen Tropfen Ganges-Wasser sahen und teures (an die Umwelt will ich gar nicht denken) Grundwasser nehmen müssen. Für eine Stunde private Grundwasserversorgung zahlen die Bewohner fast soviel wie sie für ein Jahr (!!!) Ganges-Wasser zahlen würden.
Nach der eigentlichen FFM hat FIAN dann in Lucknow noch eine Pressekonferenz veranstaltet, was auch eine interessante Erfahrung war. Auf was kommt es bei einer Presseaussendung an? Die Macht der Schlagwörter, prägnante Einleitungen, keine kopfige, überintellektuelle Sprache…
Neben dem Besuch nach Ballia blieb natürlich auch etwas Zeit, Varanasi anzuschauen. Varanasi ist eine der ältesten und heiligsten Städte der Welt. Hierher kommen Hindus aus aller Welt, um zu sterben und anschließend verbrannt zu werden und an den heiligen Ganges zurückgegeben zu werden. Außerdem gibt es unzählige Tempel, für jede nur vorstellbare Gottheit. Varanasi ist auch für seine Stoffe bekannt, hier gibt es die besten Saris – historisch bedingt, war die Stadt doch Jahrtausende lang Teil einer uralten Handelsroute. Und nicht zu vergessen sind die ganzen Touristen, auf der Suche nach Spiritualität oder einfach dem Reiseführer folgend. Ich frage mich langsam, warum alle jüngeren europäischen Touristen glauben zu scheinen, dass sie in Indien Plunderhosen und möglichst weite Hippie-Gewänder tragen müssen. Ein komisches Phänomen.
Aus Respekt habe ich keine Fotos von einer Verbrennung gemacht, gesehen habe ich es aber schon. Ein einprägsames Schauspiel, einen Menschenkörper brennen zu sehen, zu hören und zu riechen. Aber auch Alltag. Manche Einwohner der Stadt verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Holz für die Verbrennungen. Als wir eine Bootsfahrt über den Ganges machten, sahen wir einen Körper, der wohl nicht verbrannt worden war. Die Aghori, eine Hindu-Sekte, essen, was von den verbrannten Körpern übrig ist. Klingt vielleicht für Europäer barbarisch und unvorstellbar – fußt aber auf dem einfachen Glauben (falls ich das richtig verstanden habe), dass der tote Mensch genauso gegessen werden kann wie das tote Tier, da Gott in allem und jedem steckt. Als ich über die Verbrennungen weiter nachdachte, kam mir der Gedanke: ist es nicht irgendwie auch konsequenter und schöner, mit Licht und Wärme aus dem Leben zu gehen, anstatt in einem dunklen, kalten Grab zu landen?
Die Verbrennungen sind nur ein Teil von Varanasi, viele Menschen kommen auch hierher, um ein Bad im fürchterlich verschmutzten Fluss zu nehmen – egal bei welchem Wetter. Es ist Reinigung und Segnung zugleich. Neuerdings, wurde uns erzählt, dürfen auch Dalits dort baden. Das neue Indien.
All das und der winterliche Nebel geben der Stadt eine mystische Athmosphäre. Die Antithese zum jungen Mumbai. Und wahrscheinlich der eindrücklichste Ort, den ich bisher in Indien besucht habe. Ich werde da sicher nochmal hingehen.













